Als ich das Tor öffnete, traute ich meinen Augen nicht. Ich blickte auf meine Füße – aber ich trug keine roten Schuhe wie Dorothy. Stattdessen waren es meine blauen Alltagssneaker, die schon etwas gelitten hatten, weil ich in der großen Aufregung vergessen hatte, sie gegen die sorgfältig bereitgestellten Wanderschuhe zu tauschen.
So ist das eben, wenn man nach drei Jahren endlich wieder Ausgang bekommt.
Man steht im Morgengrauen auf, um rechtzeitig am Fuße des Nagy-Eged-Berges anzukommen, von wo aus man endlich im eigenen Tempo zum Gipfel aufsteigen kann – und sich dabei leise selbst tadelt, warum der Crosstrainer seit Monaten wieder nur als Wäschetrockner dient. Noch vor der Schließung setzt man sich ins Házisárkány und kichert darüber, dass zwar keine Bibliothek oder Straße, aber immerhin ein Restaurant nach einem benannt wurde. Wie ein Kind den besten Bissen schiebt man den am meisten erwarteten Moment des Tages immer weiter vor sich her. Davor geht es noch ins Marján für ein Froschdessert – bei einem Besuch in Eger ein absolutes Muss. Und natürlich auch zu den Bolyki, die bei jedem entkorkten Wein beweisen, dass man tatsächlich einen ganzen Zirkus in eine Flasche füllen kann.
Dann kommt der Moment. Man holt Schwung. Auf zum Berg! Die Weinreben im Kőporos, die in ordentlichen Reihen zufrieden vor sich hin treiben. Als der Asphalt unter den Rädern verschwindet, fällt auch der Ballast von der Seele. Ich steige höher. Als Waze meldet, dass sich das Ziel auf der linken Seite befindet, sehe ich sie – die neugierigen Gastgeber. Unter zerzausten Alpakafransen blicken mich große, warme braune Augen an, und nach dem Öffnen des Tores erscheint auch das Lämmchen, das mit einem fröhlichen „Beeee“ verkündet: Ja, du bist wirklich angekommen.
Erst da entdecke ich den sich hinter dem Tor schlängelnden Pfad, der am großzügigen Auslauf der Alpaka-Nachbarn beginnt und sich zwischen blühenden Obstbäumen hindurch zu unserem Abendquartier windet. Ich schreibe Märchen – doch während ich über den hölzernen Steg gehe, habe ich das Gefühl, dass diesmal das Märchen mich schreibt. Die Sonne bereitet sich bereits auf den Schlaf vor, und Haus und Ausblick präsentieren sich im romantischsten Licht. Würde ich das als Foto sehen, würde ich den Marketingmenschen der Unterkunft gedanklich gratulieren. Doch hier gibt es weder Filter noch Photoshop. Mit der Aufregung eines Kindes am Heiligabend tippe ich den Code an der Eingangstür ein und beginne, das kleine Haus zu entdecken.
Bisher kannte ich so etwas nur von Bildern. Ein Freund von mir liebt Tiny Houses leidenschaftlich – und ich gebe zu, auch ich habe großzügig Herzen unter seine Fotos gesetzt. Jetzt aber bin ich selbst Teil des Bildes, und mein Herz schlägt so heftig wie damals, als ich zum ersten Mal sicher war, verliebt zu sein. Es gibt ein paar Glückliche, die erlebt haben, wie jemand in Wirklichkeit genauso ist wie auf den Bildern. Und dass der Mensch, den man über Wochen und Monate hinweg durch Nachrichten kennengelernt hat, tatsächlich aufmerksam, bezaubernd, humorvoll ist – und man schon beim ersten Date spürt: Da ist Chemie.
Reisen ist eine meiner großen Leidenschaften, also gestehe ich: Ich bin wählerisch. Doch hier passt alles. Alles ist da. Geschmackvoll ausgewählt, großzügig und mit Liebe vorbereitet. Man spürt, dass man erwartet wurde – und dass man sich wirklich freut, dass wir angekommen sind. Denn ich bin nicht allein gekommen. Dies ist ein kleines romantisches Rendezvous. Etwas, von dem ich glaube, dass man es auf Rezept verschreiben sollte – und das jeder Elternteil einlösen müsste.
Zwei Tage. Ein gemütliches Nest. Ein Ort, der einzig und allein dafür geschaffen wurde, dass ihr zueinander zurückfindet. Zu euch selbst. Zu dem Gefühl von Glück, das irgendwo im Alltagsstress verloren gegangen ist. Auf der Terrasse sitzen und zusehen, wie die Sonne die Bergketten der Mátra rot färbt. Entspannt im Jacuzzi rätseln, wo wohl die Burg ist, welche Silhouette die Basilika, welcher Turm das Minarett. Sich fragen, wie es wäre, hier noch einmal die Sterne von Eger zu lesen – nicht nur für eine Nacht, sondern für eine Woche oder vielleicht sogar für eine Ewigkeit. Gemeinsam mit Stangli, der Nachbarskatze, die sich mit einer Selbstverständlichkeit an deine Füße kuschelt, als würdet ihr euch schon ewig kennen.
Zu einem leichten, mitgebrachten Abendessen erklingt Jazz aus einem Marshall-Lautsprecher – sehr zur Zufriedenheit meines Mannes, eines Ingenieurs aus der Audiotechnik. Endlich! Wenn die Augen sich sattgesehen haben an der Weite, und man die Erfrischung des Whirlpools und der komfortablen Dusche genossen hat, geht es ins Bett. Noch nie habe ich in einem Bett geschlafen, von dem aus sich ein 180-Grad-Panoramablick auf die unter mir ruhende Stadt eröffnet. Hätte mein Mann nicht darauf bestanden, das Hightech-Heimkino-Setup auszuprobieren, hätte ich sicher noch stundenlang die Lichter von Eger betrachtet. Die per Knopfdruck ausfahrende Leinwand und der darauf gezauberte Film zogen mich schließlich in ihren Bann – ebenso wie die Nacht, an deren Ende ich schlief wie ein Baby.
Wenn doch jede Unterkunft so viel Wert auf Matratzen und Bettwäsche legen würde! Am liebsten hätte ich alles in den Kofferraum gestopft. Aber wohin würde ich dann seither zurücksehnen? Wie Anne Shirley nach Green Gables – wo alles so magisch ist, als wäre es der Fantasie einer Schriftstellerin entsprungen.
